Wenn ich unserer Producerin Carina Schwarz bei der Arbeit über die Schulter schaue, dann staune ich nicht schlecht. In Sekundenschnelle wandert der Cursor von links nach rechts, von oben nach unten, und die Finger tippen eine Tastenkombination nach der anderen ein. Versprecher werden innerhalb kürzester Zeit aus der Podcast-Folge herausgeschnitten und Störgeräusche entfernt. So entsteht nach und nach aus einem Rohfile eine fertige Folge. Natürlich gehört da produktionstechnisch noch jede Menge mehr dazu, aber der Schnitt ist einer der wichtigsten Bestandteile. Was Podcaster:innen beim Schnitt beachten sollten und wie weit man im Schnitt gehen darf, das schauen wir uns in diesem Blog-Beitrag einmal genauer an. Was das Podever-Team über dieses Thema denkt, könnt ihr weiter unten nachlesen.

Viele Schnitte oder wenige Schnitte?

Ganz wichtig ist die Geschichte, die ich mit meinem Podcast erzählen möchte. Wenn das, was ich transportieren will, bei den Hörer:innen nicht mehr richtig ankommt, dann ist womöglich der eine oder andere Schnitt zu viel oder vielleicht auch zu wenig gesetzt worden. Ein wichtiger Faktor ist auch das Format: Wenn ich einen Reportage-Podcast mit mehreren Protagonisten und verschiedenen Locations plane, dann wird es zwangsläufig mehrere Schnitte geben müssen. So etwas lässt sich nur selten am Stück ohne Unterbrechungen produzieren.

Ich vergleiche das mal mit einem Film, der 2015 in Berlin gedreht wurde. Dieser Film heißt „Victoria“, ist über zwei Stunden lang und an einem Stück gedreht worden. In der Postproduktion gab es keinen einzigen Schnitt. Sehr ungewöhnlich für einen Film, aber machbar. Das Ganze war nur möglich, weil die Drehorte nah beieinander lagen, das Team sehr gut aufeinander abgestimmt war und im Vorfeld viel geprobt wurde. Das alles lässt sich auch auf einen Podcast übertragen: Wenn ich ein gut eingespieltes Team habe, das zum Beispiel in einem Talk-Format miteinander spricht, dann braucht es am Ende wahrscheinlich keinen oder nur kaum Schnitte. Nehmen wir das Beispiel „Fest & Flauschig“. Jan Böhmermann und Olli Schulz kennen sich seit Jahren und sind ein eingespieltes Team. Wenn sich dort jemand verspricht, dann ist das gar kein Problem. Im Podcast gibt es deshalb auch kaum Schnitte – das macht das Ganze am Ende auch authentisch.

Umgekehrt können zu wenige Schnitte aber auch dazu führen, dass ein Podcast sehr langatmig wird. Manchmal tut ein Schnitt ganz gut, um ein bisschen Dynamik reinzubringen, Inhalte zu straffen und die wichtigen Aussagen besser hörbar zu machen.

Mehr Action, mehr Schnitte

Bei einem Reportage-Podcast, zum Beispiel „morgen beginnt heute“ des Bayerischen Umweltministeriums, kommt man gar nicht drum herum, mehrere Schnitte zu setzen, weil dort immer wieder die Location gewechselt wird und auch viele äußere Faktoren, wie das Wetter oder Geräusche, eine Rolle spielen. Wenn wir in einem schalldichten Raum sitzen, um einen Talk-Podcast aufzunehmen, dann ist das natürlich alles gar kein Problem.

Was will ich damit sagen? Es kommt immer darauf an! Welches Podcast-Format habe ich, welche Geschichte möchte ich erzählen und natürlich auch, wie gut sind meine Gesprächspartner? Am Ende ist es überhaupt kein Problem, viele Schnitte zu setzen, solange sie nicht zu hören sind, die Geschichte die gleiche bleibt und sich alles natürlich anhört.

That´s too much …

Das Thema Schnitt kann man auch auf die Spitze treiben: Wenn wir zum Beispiel wirklich jedes „Ähm“, jeden kleinen Schnaufer und jede Atempause herausschneiden. Es mag Menschen geben, die sehr oft „ähm“ sagen, dann ist es auch in Ordnung, wenn man das an ein, zwei Stellen wegschneidet. Radikal alles zu entfernen, damit es am Ende clean und sauber klingt, ist aber sicher nicht die beste Lösung. Der Podcast klingt dann einfach nicht mehr natürlich. Wenn wir zum Beispiel mit Freunden sprechen, dann ist es ganz normal, dass ein „Ähm“ fällt oder dass es kurze Denkpausen gibt.

Das war vorher aber noch nicht da

Ein richtig guter Producer oder eine richtig gute Producerin kann theoretisch fast alles möglich machen. Aus einzelnen gesprochenen Buchstaben können zum Beispiel neue Wörter kreiert werden, ohne dass es die Hörer:innen am Ende merken. Auch die Atmosphäre eines Podcasts kann komplett verändert werden: Statt im Schwimmbad stehen wir dann zum Beispiel mitten auf einem Rockkonzert. Sollte ich so stark in einen Podcast eingreifen? Auch hier kommt es immer darauf an: Wenn die Hintergrundgeräusche meines Podcasts ein bisschen zu leise geraten sind, dann kann hier zusätzliche Atmo helfen. Das komplette Setting zu verändern, ist aber wieder eine andere Geschichte. Das Gleiche gilt für neu kreierte Wörter: Einem Gesprächspartner oder einer Gesprächspartnerin andere Worte in den Mund zu legen, ist absolut unangebracht. Verschluckt die Person im Gespräch aber zum Beispiel einen Buchstaben am Ende eines Wortes, dann sollte es kein Problem sein, einen Buchstaben dazu zu basteln.

Das sagt das Podever-Team

„Immer so schneiden, dass es nicht geschnitten klingt!
Klingt etwas geschnitten, klingt es unnatürlich. Und sobald etwas unnatürlich klingt, wirkt es in meinen Ohren nicht mehr authentisch. Manchmal ist weniger mehr – und wenn viel, dann NUR ‚unbemerkt‘ – also so, dass der Hörer oder die Hörerin es nicht wahrnimmt!“ Carina Schwarz 

„Ich finde, ein Podcast lebt von Authentizität. Dazu gehört hier und da ein „Äh“ oder auch mal ein kleiner Versprecher. Ganz erstaunlich finde ich oft, wie viel Wirkung in einer längeren Denkpause stecken kann und wie viel Emotion in einem Schlucken oder Atmen – das darf für mich, als Podcasthörerin, gerne zu hören sein, auch in einem Corporate Format. Ja, es geht um Inhalte, aber vor allem auch um die Menschen, die sie transportieren: je echter unsere Begegnungen mit ihnen sind, desto nachhaltiger wirkt der Inhalt.“ Jasmine König 

„Es gibt keine vorgegebene Richtline, an die man sich beim Schnitt halten muss. Solange ein Schnitt natürlich klingt, gibt es in meinen Augen nicht ‚zu viel‘ oder ‚zu wenig‘. Der Flow muss einfach stimmen. Genauso verhält es sich mit der Atmo. Hat die natürliche Aufnahme zu wenig davon, zum Beispiel aufgrund von ungünstigen Aufzeichnungsumständen, können eingesetzte Soundelemente eine mittelmäßige Aufnahme qualitativ verändern. Solange alles gut und ungeschnitten klingt, würde ich sagen … GO FOR IT!“ Tara Sharei 

Es kommt darauf an …

 „Der Podcast-Schnitt ist eine Frage, an der sich die Geister scheiden. Vorweg: für mich persönlich ist weniger mehr. Es gibt allerdings auch, besonders im Corporate Podcast-Bereich, Kund:innen, die ihren Podcast so ‘sauber‘ wie möglich haben wollen (so sagen unsere Produzent:innen im Team zu einem Versprecher- und „ähh, ähmm“-freien Podcast). Meiner Überzeugung nach, kommt es immer darauf an: Es gibt einige Podcasts, die ohne Schnitt oder mit kaum Schnitten sehr gut funktionieren. Beispielsweise die ‚Kack & Sachgeschichten‘ oder ‚Methodisch inkorrekt‘. Beides Talk-Podcasts, in denen ‚frei von der Leber weg‘ gesprochen wird. Hier bleiben „Ähhs, Ähms, Ähhs“ oder Versprecher enthalten. Hier und da wird ein Werbeblock oder eine kurze Pause reingeschnitten oder ein kurzes Musikstück der Kategorie ‚Trash‘ eingespielt. In beiden Formaten vermisse ich als Podcast-Hörer oder Podcast-Hörerin vermutlich keinen Schnitt. 

Andere Podcasts sind auf einen guten Schnitt angewiesen – beispielsweise der Reportage-Podcast ‚born to transform‘ von Fujitsu oder ‚morgen beginnt heute‘ des Bayerischen Umweltministeriums. Beide sind ein Mix aus Talk und Reportage – ohne einen guten Schnitt und die anschließende Audiobearbeitung würde das Hörerlebnis für die Zuhörenden vermutlich nicht mit den Erwartungen übereinstimmen. 

Beim Schnitt und der Audiobearbeitung gelten allerdings auch klare, journalistische Spielregeln: Es kommt nichts hinzu, was nicht da war und es wird nichts entfernt, was die inhaltliche Aussage des Moderators, der Moderatorin oder des Gesprächspartners, der Gesprächspartnerin verändern würde. Besonders in Zeiten von Deepfakes ist es wichtig, sich auch darüber Gedanken zu machen. Am Ende sollte ich als Podcaster:in oder Unternehmen auf das Feedback meiner Zuhörer:innen hören und mir überlegen: Wie viel Schnitt und Audiobearbeitung benötigt mein Podcast?“  Sebastian Hrabe